Achtsame Organisationen, kein Hippitrip

In der letzten Ausgabe (02_2019) der Zeitschrift moment by moment erläutert Erick Rinner im Interview mit Norbert Claasen, was seiner Meinung nach die wichtigste menschliche Ressource ist, die in den meisten Unternehmen ungenutzt bliebe und welche Verbesserungen auf persönlicher und auf Firmenebene durch das Erlernen von Achtsamkeit möglich seien.

Erick Rinner

Erick, ein Luxemburger der in Lausanne lebt, verfügt über 29 Jahre Erfahrung in den Bereichen Private Equity und Corporate Governance. Er ist geschäftsführender Gesellschafter seiner eigenen Investmentfirma Milestone Investisseurs und Vorstandsmitglied sowie Senior Trainer bei Potential Project, einem globalen Trainingsunternehmen für unternehmensbasierte Achtsamkeitsprogramme. Zu den Kernkompetenzen von Erick gehören die Initiierung von Veränderungen auf Vorstandsebene, Verhandlungen und die Beratung von Managementteams in Bezug auf Wertschöpfung und Führung. Er ist Vorstandsmitglied von Privatunternehmen und Trusts in Luxemburg, London, Dänemark und der Schweiz. Außerdem sitzt er im Vorstand von Mind & Life Europe, in der vom Dalai Lama gegründeten Organisation zur Förderung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Buddhismus.

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Aufmerksamkeit von Mitarbeiter bleibt ungenutzt

Ericks Meinung nach geht den Unternehmen die Aufmerksamkeit ihrer Mitarbeiter, eine gesteigerte Form der Bewusstheit, verloren. Verschiedene Forschungen würden zeigen, dass Menschen 47 Prozent ihrer Zeit nicht bei der Sache sind. Während wir zum Beispiel diesen Blog-Beitrag lesen wird der Geist vermutlich immer wieder von anderen Gedanken, die durch den Inhalt oder einzelne Worte getriggert werden, abgelenkt. Wir glauben zwar, dass wir die ganze Zeit präsent wären, aber das seien wir nicht oder nur selten. Tatsächlich würde eine Menge unserer Zeit nicht aufmerksam und achtsam für unsere Aufgaben genutzt.

Erick hat die Erfahrung gemacht, dass in Firmen in denen er beratend tätig ist, ein niedriger Aufmerksamkeitsgrad herrsche und dieser würde zu mangelnder Leistung, zu Stress, zu Furcht und zu geringer Resilienz führen. Und die Ursache dafür wäre darin begründet, weil die Leute nicht im Augenblick bleiben könnten. Die Fähigkeit jeden Moment im Hier und Jetzt sein zu können, wäre eine Schlüssel-Fähigkeit zum Erfolg und müsse daher von Führungskräften trainiert werden. Er habe die Erfahrung gemacht, dass es bei täglichem Üben auch funktioniert, der Grund liege in der Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns.

Nutzen von Achtsamkeit in Organisationen

Auf die Frage nach den konkreten Veränderungen durch eine tägliche Achtsamkeits-Praxis, erläutert Erick, dass es seiner Erfahrung nach vielerlei Verbesserungen sowohl auf individueller als auch auf organisatorischen Ebene gäbe. Im persönlichen Bereich entwickelten die Leute, ganz gleich auf welcher Ebene sie tätig wären, die Fähigkeit aufmerksamer zu sein und ihre Umgebung mit etwas mehr Abstand zu sehen. Er vergleicht es mit dem anfänglichen Autofahren mit der Nase an der Windschutzscheibe und dem späteren entspannten Sitzen und Zurücklehnen beim Fahren. So würden die Mitarbeiter auch ruhiger, wären mehr bei der Sache und würden eine neue Selbstsicherheit für die Dinge entwickeln. Gerade die Fähigkeit von Führungskräften im Moment zu sein, wirke sich auf das ganze Team aus, weil sie mit größerer Bewusstheit wahrnehmen können was im Team geschieht und welche Bedürfnisse einzelne Teammitglieder haben. Die Teamarbeit insgesamt würde verbessert, weil sich alle Mitglieder ihrer Bedürfnisse bewusster wären. Die Leute wären dadurch motivierter, würden seltener fehlen und hätten bessere Laune. Dadurch wäre die Firmenatmosphäre auch besser und könnte sogar von außen von möglichen neuen Talenten wahrgenommen werden, so, dass auch hier ein Vorteil für das Unternehmen am Arbeitsmarkt entstünde.

Weg zur Achtsamkeit

Der Weg dahin ist nach Ericks Meinung allen Mitarbeitern Achtsamkeitstrainings als ein offenes Angebot zu unterbreiten. Er würde mit einer 90-minütigen Einführung starten, in der er den neurowissenschaftlichen Hintergrund erläutert und klar macht, dass es sich nicht um einen Hippitrip handele. Vielmehr sei es eine solide Sache, deren positive Wirkung anhand verschiedenster Untersuchungen bewiesen sei. Im nächsten Schritt ginge es darum die Mitarbeiter in die Praxis einzuführen und ihnen Lust auf mehr zu machen. Dies geschehe meist automatisch, weil sie sich entspannter fühlen würden. Es ginge also darum, Achtsamkeit zu einem ganz normalen Teil ihres Arbeitsalltags zu machen, ganz ohne Druck auf freiwilliger Ebene.

Auch wir vom Zentrum für Achtsamkeit und Mitgefühl in Heppenheim haben ähnliche Erfahrungen gemacht und gehen ähnlich bei der Einführung von Achtsamkeit in Organisationen vor. Implementierungsbeispiele können hier zur Anregung heruntergeladen werden.

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