Warum nicht alle das gleiche Wahrnehmen (können)

Photo by timJ on Unsplash

Ich glaube, dass wenn wir Menschen ein größeres Bewusstsein für die Funktionsweise unserer Wahrnehmung hätten, könnten viele schwierigen zwischenmenschliche Dynamiken vermieden werden. Lasst uns einen Blick darauf werfen, über welche Erkenntnisse die Menschheit zum Thema Wahrnehmung verfügt und uns daraus ableiten, wie wir mit dem Phänomen „Wahrnehmung“ umgehen lernen können.

Definition von Wahrnehmung

Wahrnehmen ist der Prozess der Auseinandersetzung mit der sinnlich erfassbaren Außenwelt. Dabei gehen biologische und psychische Prozesse ineinander über:

  • Sinnesorgane, reizaufnehmende Nerven, Verarbeitungsinstanzen des Nervensystems (Gehirn u. a.)
  • Kognitive Prozesse des Auffassens, Filterns
Sechs oder Neun

Wahrnehmungen sind in der Regel von Person zu Person verschieden (interindividuelle Varianz). Selbst eine Person kann äußere Wahrnehmungen im Lauf der Zeit (z. B. heute und morgen) unterschiedlich interpretieren (intrapersonale oder intraindividuelle Varianz). Die Wahrnehmung ist von den im Moment des Prozesses vorherrschenden Gefühlen, Stimmungen, Wünschen und Ängsten abhängig. Diese und ihr Einfluss sind der wahrnehmenden Person häufig nicht bewusst.

Philosophische und wissenschaftliche Betrachtungen

Ist die Wahrnehmung nur eine zweckmäßige Vermutung, mit der wir solange leben, bis sie von einer anderen Vermutung abgelöst wird? Das behauptete zumindest am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Hans Vaihinger in seiner „Philosophie des Als-Ob“.

Schon für den Philosophen Immanuel Kant war die objektive und zweifelsfreie Erkenntnis eines Gegenstands nicht möglich. Er war der Meinung, dass unsere Wahrnehmung eine Leistung unserer körpereigenen Sinnesorgane und somit Irrtümern unterworfen sei, daher könnten sie nie objektiv sein.

Wir haben die Möglichkeit zur objektiven Beurteilung, oder doch nicht?

Wahrnehmung und Wirklichkeit sind immer aktive Konstruktionen, Arbeitshypothesen und hirnphysiologische Ergebnisse. Diese These stützen die geisteswissenschaftliche Strömung des Konstruktivismus und Teile der modernen Psychiatrie. Ganz nach dem Satz des österreichisch-amerikanischen Denker Ernst von Glasersfeld, „Wenn die Welt, die wir erleben und erkennen, notwendigerweise von uns selbst konstruiert wird, dann ist es kaum erstaunlich, dass sie uns relativ stabil erscheint“ oder nach dem portugiesischen Schriftsteller Fernando Pessoa, „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind„.

Auch der konstruktivistische Denker Paul Watzlawick hat sich mit dem Thema Wahrnehmung beschäftigt und eines der von ihm beschriebenen Phänomene ist die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wer zum Beispiel annimmt, man missachte ihn, wird sich eben deswegen in einer überempfindlichen, unverträglichen, misstrauischen Weise verhalten, die in dem anderen genau jene Geringschätzung hervorruft, die seine schon gehegte Überzeugung erneut beweist.

Das Fazit der Konstruktivisten ist, dass die einzig richtige und objektive Wahrnehmung nicht existiert. Das sollte uns aber nicht entmutigen, denn man kann auch gemeinsam mit anderen Menschen mit unterschiedlichen Weltbildern leben und den Alltag bestreiten (Wichtig heute daran zu erinnern), solange es eine gemeinsame Basis oder Überschneidung in der Wahrnehmung der Realität gibt. Außerdem kann die Abstraktion, die Fokussierung auf das Wesentliche uns helfen, uns besser in einer komplexen Welt zurecht zu finden. Diese Interpretationen sind also für das Bestehen im Alltag notwendig.

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse

Auch die Ergebnisse der modernen Neurowissenschaft unterstützen die Einschätzung der Konstruktivisten. Das für die Verarbeitung der Wahrnehmungen beim Menschen verantwortliche System ist das Nervensystem (siehe Definition). Hierbei handelt es sich um ein geschlossenes System, das heißt, Nerven geben Impulse an andere Nerven weiter, diese geben die Impulse ebenfalls weiter und so entsteht eine Art Kettenreaktion. Sonst existiert in dem System nichts weiter. Wenn man sich eine solche Nervenzelle anschaut, dann verwenden diese zwar bestimmte Frequenzen, aber auch hier ist nichts weiter Wahrnehmendes enthalten. Das Nervensystem ist ein Netzwerk, das nicht zwischen innerhalb des Netzwerkes oder außerhalb des Netzwerkes unterscheiden kann. Und dadurch reagiert es immer nur auf selbst produzierte Impulse. Wenn also zum Beispiel Lichtimpulse über das Auge ins Gehirn kommen, also einem Teil des zentralen Nervensystem, dann wird dort kein Licht transportiert, sondern nur der übersetzte und transformierte Nervenimpuls. Auch aus diesem Wissen lässt sich ableiten, dass in unserem Körper keine vollständige Abbildung der Realität verarbeitet wird, sondern nur die übersetzten Impulse.

Der Buddhismus hat sich viel mit der Wahrnehmung beschäftigt

Im Buddhismus ist der Geist der zentrale sechste Sinn neben den uns im Westen bekannten fünf Sinnesorganen (Sehen, Hören, Schmecken, Fühlen, Riechen). Er empfängt aber nichts direkt von „außen“, er hat keine direkte Verbindung nach außen. Der Geist empfängt von den fünf Sinnen was diese von der Außenwelt empfangen haben. Insoweit stimmt das Bild noch mit dem westlichen Modell überein. Im Buddhismus empfängt der Geist, also der sechste Sinn, darüber hinaus aber noch unmittelbare Eindrücke aus dem Inneren, zum Beispiel das Aufkommen von Ärger oder Mitleid. Diese Eindrücke verarbeitet er bei seiner Arbeit der Wahrnehmung mit und bewahrt sie bei sich auf. Hierbei handelt es sich um eine interessante Fortführung der westlichen Sichtweise und um eine nach den aktuellen Erkenntnissen sehr realitätsnahe Einschätzung der Wirklichkeit (was auch immer das ist).

Aber schauen wir uns nun die praktische Bedeutung all dieser Überlegungen für unseren Alltag an.

Wahrnehmung als aktiver Prozess

In der Regel glauben wir, dass der Lernprozess des Wahrnehmens schon in frühester Kindheit abgeschlossen wurde und dass unsere Wahrnehmung eindeutig und ohne Selbsttäuschungen abläuft. Doch dann passiert etwas Unerwartetes, Veränderungen beim Arbeitgeber, Krankheiten oder eine neue Beziehung. Unser Blick auf die Welt und damit unsere Wahrnehmung verändert sich.

Wenn wir dann unser Alltagserleben analysieren, können wir diese Konstruktionen, Vereinfachungen und „Voreingenommenheiten“ auch erkennen. Aber nur, wenn Veränderungen uns dazu zwingen oder wir uns die Mühe der Analyse aus einem anderen Grund machen. Häufig hinterfragen wir unsere Wahrnehmungen aber nicht und somit bleibt uns verborgen, dass Wahrnehmung ein aktiver Vorgang ist. Das, was wir wahrnehmen oder wie wir unsere Wirklichkeit sehen, ist kein bloßes passives Abbild dessen, was da draußen in der Welt ist, sondern es ist auch eine aktive Selektionsleistung. Wir wählen aus, was wir wahrnehmen. Dadurch wird Wahrnehmung zu einem aktiven Konstruktionsprozess. Hinzu kommt, das wir diese Wahrnehmung auch noch mit Sinn versehen. Wir konstruieren einen Zusammenhang in das Wahrgenommene gemäß einer Ursache-Wirkung oder Kausalität. Das ist evolutionär in uns verankert und notwendig, um gezielt handeln zu können. Daher kann dieses Handeln nur auf einer Hypothese basieren, die wir für uns selbst konstruiert haben. Das bedeutet nicht, dass sie falsch oder wahr ist, sie erklärt aber basierend auf unserem Weltbild die Bilder und Geschehnisse, die wir da sehen. Wahrnehmung ist also Teil eines aktiven Erstellen und Bestätigen eines Weltbildes.

Aktive Auswahl und Konstruktion eines Zusammenhangs
-> Bestätigung unseres Weltbildes

Alles, was wir wahrnehmen, vergleichen wir mit uns aus der Vergangenheit bekannten Mustern, um uns eine Vorstellung der Welt zu kreieren, das sie für uns erklärbarer macht. Hierbei handelt es sich um einen Entwicklungsprozess, der sich immer wieder wiederholt, und je mehr Informationen wir bekommen, desto komplexer wird das Gesamtbild. Die Konstruktivisten sprechen hier von der Strukturbestimmtheit unserer Wahrnehmung – wir nehmen wahr, wie wir gestrickt sind. Und produzieren zweckmäßige „Irrtümer“ (Annahmen), deren Sinn es ist, sie solange zu gebrauchen, bis wir es durch weitere Informationen besser wissen. Eine Änderung an dem Bild könnte zum Beispiel durch bisher vor uns verborgene Informationen initiiert werden. Wir könnten diese aber auch bewusst oder unbewusst ausblenden, um eine Anpassung unserer Konstruktion zu vermeiden.

Im günstigsten Fall stimmt unser Bild mit der Realität überein. Doch in einer Fülle von Experimenten und Gedankenspielen lässt sich feststellen, dass Wahrnehmung nicht automatisch eine Eins-zu-Eins-Entsprechung mit der Wirklichkeit herstellt. In den Worten des Konstruktivisten Ernst von Glasersfeld: Was wir erleben und erfahren, erkennen und wissen, ist notwendigerweise aus unseren eigenen Bausteinen gebaut und lässt sich auch nur aufgrund unserer Bauart erklären.

Wir haben ein Weltbild und unsere Wahrnehmungen bestätigen diese daraus resultierenden Vorannahmen. Die überzeichnete, aber dadurch anschauliche Geschichte des Mannes, der durch die Straßen läuft und in die Hände klatscht, beschreibt diesen Prozess sehr schön. Dieser Mann trifft einen Bekannten und der fragt ihn: „Warum klatschst du in die Hände?“. Daraufhin antwortet er, dass er das mache, um die Elefanten zu verscheuchen. Darauf entgegnet ihm der Bekannte, dass hier doch keine Elefanten seien. Worauf der Mann ihm lächelnd erwidert: „Da siehst du, dass es wirkt.“

Kreieren unserer Wahrheiten auf Basis unserer Erwartung
-> Strukturierung unserer Wahrnehmung

Ich selbst beobachte auch bei mir manchmal etwas zu übersehen und dieses Phänomen nennt man dann in gewissen Kontexten gemeinhin Betriebsblindheit.

Gruppen-Wahrnehmung, was steckt dahinter

Zu all den vorgenannten Aspekten kommt noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu, nämlich unsere Angewohnheit unsere Wahrnehmungen mit der Resonanz aus unserem Umfeld abzugleichen. Das Feedback unserer Peer-Gruppen bestimmt also auch unsere Wahrnehmungen. Dazu gibt es verschiedene Untersuchungen. Bei einem Experiment wurden zehn Versuchspersonen, von denen neun in den Sinn des Vorhabens eingeweiht waren, zwei Tafeln gezeigt. Auf der ersten Tafel befand sich eine Linie, auf der zweiten Tafel drei Linien mit jeweils unterschiedlichen Längen.

Die Probanten sollten nun sagen, welche von den drei Linien der einzelnen Linie auf der ersten Tafel entsprach. Die Wahl schien einfach, doch die neun Eingeweihten behaupteten, die viel zu langen Striche stimmten mit der einzelnen überein. Hierbei handelte es sich um eine absurde und offensichtlich falsche Behauptung. Trotzdem schloss sich die zehnte Versuchsperson nach einiger Zeit dieser unsinnigen Überzeugung an.

Konstruktion von Objektivität

Menschen vergewissern sich ihrer Wahrnehmung durch Rückmeldungen aus ihrer Umgebung. Nach einiger Zeit können Menschen mit anderen Überzeugungen ihre Meinung an die der Gruppe anpassen oder wenn es möglich ist, werden sie diese Gruppe verlassen. Objektivität wird ja genau so konstruiert. Wir schauen zu welchem Schluss andere Beobachter kommen und so wie die Mehrheit die Situation beurteilt, so entsteht die Objektivität. Haben wir eine andere Wahrnehmung neigen wir dann sogar eher dazu, an unserer Wahrnehmung zu zweifeln. Menschen sind sehr sensibel darin, was andere denken und wahrnehmen und messen sich und ihren gesellschaftlichen Wert daran. So entstehen Moden, Trends und politische Überzeugungen und so kann man auch sozialpsychologischen und Massenphänomene erklären.

Der Wahrnehmung auf die Schliche kommen – die Metaebene

Jeder Mensch nimmt wahr, beobachtet, aber kaum jemand hinterfragt seine Beobachtungen. Selten fragt man sich wie man beobachtet, welche Voraussetzungen haben dazu geführt, etwas für wahr zu halten. In der Literatur werden zwei Arten von Beobachtungen unterschieden: Beobachtung erster und zweiter Ordnung.

Beobachtung erster Ordnung ist die Beobachtung selbst, also unsere täglichen Erfahrung. Beobachtungen zweiter Ordnung ist, wenn man sich beim Beobachten selbst beobachtet. Man reflektiert wie man selbst beobachtet, um sich darüber klar zu werden, welche Bewertungen, Weltbilder und Konstruktionen der Wahrnehmung zugrunde liegen. Man kann also beobachten, wie man selbst beobachtet oder auch wie andere beobachten. Daraus kann man vielfältige Hierarchien mit einer gewissen Komplexität konstruieren. Besonders komplex, aber auch hilfreich für das Verständnis des Verhaltens anderer Personen, wird es dann, wenn man sich in die Beobachtung anderer hineinversetzt. Wenn man versucht, in einer fremden Wahrnehmungswelt zu leben und ihr entsprechend zu handeln. Es gibt ein indianisches Sprichwort das diesen Versuch bildlich ausdrückt:

Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.

Schlüssel zum Erfolg ist die Fokussierung der Aufmerksamkeit, also Achtsamkeit

Man kann lernen bewusst wahrzunehmen. Der Schlüssel dabei ist die Aufmerksamkeitsfokussierung, das heißt, bewusst zu registrieren, worauf sich meine Wahrnehmung konzentriert. Diese wird nämlich davon gesteuert, worauf unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist. Die Fokussierung der Aufmerksamkeit, das ist das Schlüsselwort. Denn so trivial wie es klingt, wo wir nicht hinschauen, nehmen wir auch nichts wahr. Allerdings bestimmen unsere Prägung und unsere Konditionierung im übertragenen Sinne, wohin wir schauen und wo wir nicht hinschauen. Und diesen Autopilot gilt es zu durchschauen und mit Achtsamkeit ahrzunehmen, zu überprüfen und wieder selbst in den Fahrersitz unseres Lebens zu steigen.

Vielleicht kann die folgende Übung Ihnen helfen, einen ersten Eindruck von Ihrer eigenen Prägung, Ihrem bestimmenden Weltbild und den unausgesprochenen Vorannahmen bei Wahrnehmungen zu erarbeiten. Die Aufgabe besteht darin, die nachfolgend dargestellten 9 quadratisch angeordnete Punkte mit einem Stift vier gerade Linien zu verbinden, ohne den Stift abzusetzen.

9-Punkte Rätsel

Details zu dem Rätsel finden sie auf der Wikipedia-Seite „Neun-Punkte-Problem“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 4. Juni 2019, 18:59 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Neun-Punkte-Problem&oldid=189256394 (Abgerufen: 3. Februar 2020, 12:04 UTC)

Fazit

In der Interaktion mit anderen ist es wichtig, sich auf eine gemeinsame Realität (Wahrnehmung) zu einigen, also einen größtmöglichen gemeinsamen Nenner und von da ausgehend die nächsten Schritte zu planen. Dazu ist es notwendig sich beim eigenen Wahrnehmen achtsam zu beobachten, um das Wahrgenommene einordnen zu können. Wir vermuten häufig, dass wir alle das Gleiche wahrnehmen und die gleichen Schlüsse aus der Beobachtung ziehen, das Hinterfragen dieser Vermutung ist aber eher die Ausnahme als die Regel. Daher ist es notwendig, sich vor allen Diskussionen und Kommunikationen im allgemeinen, auf eine gemeinsame Basis zu verständigen. Gelingt dies nicht oder wird dieser Schritt ausgelassen, werden Abstimmungen in Auseinandersetzungen und unnötigen Energieverschwendungen enden.

Es gibt am Menschen absolut nichts zu verändern, außer der Wahrnehmung seiner selbst.

Renate Moog, Coach

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein achtsames Wahrnehmen.

Drei Gründe warum MBSR der Goldstandard für Achtsamkeitsprogramme ist

Photo by Lesly Juarez on Unsplash

Achtsamkeit hat heute fast jeden Lebensbereich erobert, vom Klassenzimmer bis hin zu Unternehmen, populäre Magazine berichten darüber und sogar im Supermarkt an der Kasse wird Achtsamkeit propagiert. Aber das war nicht immer der Fall, Achtsamkeit als Mainstream gibt es zwar gefühlt schon länger, aber es ist eine verhältnismäßig neue Entwicklung.

Der Beitrag von Jon Kabat-Zinn

Wesentliche Verantwortung dafür hat die Arbeit von Jon Kabat-Zinn, der umfangreiche Texte und Bücher über das Lernen, die Praxis und sogar über wissenschaftliche Forschungen zu Achtsamkeit veröffentlicht hat. Er gründete 1979 die Stress Reduction Clinic an der University of Massachusetts, um Menschen zu helfen, die als „austherapiert“ galten. Sein Center for Mindfulness an der UMass Medical School war der Hauptmotor für die akademische Forschung, die Standardisierung der Lehrerausbildung und für das Entstehen einer weltweiten Gemeinschaft von Achtsamkeit-Praktizierenden. Das Flaggschiff des Ganzen ist Jon Kabat-Zinns MBSR- (mindfulness based stress reduction) Programm oder auch achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung.

Die drei Gründe

Aber warum spielt MBSR diese prominente Rolle? Meditation und Yoga, zwei Elemente des Kurses, gibt es schon seit Jahrhunderten, also was ist der Mehrwert dieses speziellen Programms?

Erstens: MBSR ist offen für Alle

In erster Linie und ganz wichtig, MBSR ist für alle offen.

  • Es gibt keine Erwartung oder Notwendigkeit, irgendeiner bestimmten Art von spirituellem Pfad zu folgen. Wenn Du einem folgen möchtest, kannst Du es tun.
  • Es gibt kein Beharren darauf eine „richtige“ Haltung (sowohl körperlich als auch geistig) einzunehmen, es geht um die Beobachtung und Wahrnehmung davon.
  • Alle Übungen werden gemäß Deinen augenblicklichen Möglichkeiten ausgeführt. Es darf leicht sein.
  • Die Übertragbarkeit der Erfahrungen in den Alltag steht im Vordergrund.

Das MBSR-Programm basiert auf neurowissenschaftlichen und psychologischen Erkenntnissen. Des Weiteren werden die Möglichkeiten vom Austausch in der Gruppe genutzt und aktuelle Lern- und Lehrmethoden spielen eine Rolle bei der Durchführung. Dadurch ist MBSR zugänglich und anwendbar, sowohl im Leben des Einzelnen, als auch in der Welt der Unternehmen und Organisationen.

Zweitens: Ein standardisiertes, wissenschaftlich untersuchtes Konzept

Photo by Jon Tyson on Unsplash

Zweitens: Bei MBSR handelt es sich um einen spezifischen und weltweit standardisierten Lehrplan. So wurde MBSR zum Untersuchungsgegenstand Nummer 1 für die Forschung, wenn es um die Effekte von Achtsamkeit ging. Bei den Studien ging es um die Auswirkung von Achtsamkeitstrainings auf

  • die Fähigkeit von Teilnehmenden zu fokussieren,
  • das Wohlbefinden von Mitarbeiter,
  • die Erholung nach medizinischen Eingriffen,
  • die Ergebnisse bei Prüfungen von Schülern und Studenten,
  • den Umgang mit Schmerzen,
  • die Wirkung bei Depressionen und Angststörungen,
  • die Effekte in der Burnout-Prophylaxe und -Nachsorge und
  • andere psychische und physische Einschränkungen.

MBSR wurde zur Basis für ähnliche Programme wie Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT), Mindful Self-Compassion (MSC) und über ein Duzend weiterer strukturierter Mindfulness-based Programme bei unterschiedlichsten Anforderungen.

Drittens: Es ist hilfreich für die Teilnehmenden

MBSR hat nicht zuletzt diese große Bedeutung, weil die Menschen, die sich den acht Wochen des Programms widmen, wichtige und nachhaltige hilfreiche Erfahrungen für ihr alltägliches Leben machen, sowohl beruflich als auch privat. Dabei ist es egal, ob es sich um Präsenz- oder Online-Trainings handelt, es verändert sich etwas. Evidenzbasierte Untersuchungen zeigen, dass die Übung der Achtsamkeit im allgemeinen hilfreich, herausfordernd und eine langanhaltende Wirkung auf denjenigen hat, der sich darauf einlässt.

Was unterscheidet MBSR von anderen Achtsamkeitsprogrammen?

Vielleicht haben Sie noch keine Erfahrung mit der Praxis von Achtsamkeit oder Sie verfügen schon über viele Jahre persönliche Meditations-Praxis in anderen Kontexten, vielleicht auch mit Apps oder Online-Tools. Aber was ist anders bei MBSR?

Verlässliche und strenge Ausbildungskriterien für Lehrerende

MBSR-MBCT Verband in Deutschland.

MBSR ist nicht nur das erste und am meisten untersuchte säkulare Achtsamkeitsprogramm seiner Art, sondern verfügt auch über eine jahrzehntelange strenge Lehrerausbildung mit regelmäßiger Überprüfung der Lehrerkompetenzen. Dadurch sind die mit einer entsprechenden Zertifizierung ausgewiesenen Trainer in der Lage, die für die Durchführung des Trainings notwendigen hohen Standards einzuhalten.

Standardisierter Lehrplan

Bei MBSR wird gemäß einem spezifischen und methodischen Lehrplan unterrichtet. Teilnehmende werden durch einen Lern- und Praxisprozess geführt, der auf vierzig Jahren kontinuierlicher wissenschaftlicher Forschung basiert.

Nutzung von Gruppenprozessen

Schließlich ist MBSR ein Programm, das gemeinsam mit anderen durchlaufen wird, so dass Sie nicht nur die Möglichkeit haben, sich mit dem Trainer auszutauschen, sondern auch in den Kontakt mit anderen Teilnehmern zu gehen, die sich auf ihrer eigenen Achtsamkeitsreise befinden.

Herausfordernd, aber probieren Sie es doch einfach aus

Vielleicht haben auch schon überlegt mal an einem MBSR-Programm teilzunehmen, oder vielleicht hören Sie jetzt das erste Mal davon. MBSR kann sowohl herausfordernd als auch unterstützend sein, wichtig ist sich für das Programm zu verpflichten:

  • Einmal pro Woche für acht Wochen zu treffen,
  • ein ganzer Tag im Schweigen und
  • Hausaufgaben an jedem Tag

Während der acht Wochen kann das manchmal sehr viel für „nur einen Achtsamkeitskurs“ erscheinen. Aber dafür finden Sie eine Kontext, der Sie inspiriert und neue umsetzbare Wege lehrt, den Schwierigkeiten und Freuden des Lebens zu begegnen. Es besteht die Möglichkeit, dass Sie die Art und Weise, wie Sie sich selbst, Ihre Arbeit und die Menschen um Sie herum sehen, verändern.

Der Artikel basiert auf einem von Ted Meissner auf https://www.mindfulleader.org veröffentlichten Artikel „3 Reasons Why MBSR Should be the Workplace Standard“ (21.01.2020)

Kann Achtsamkeit tatsächlich im geschäftlichen Umfeld „funktionieren“?

Ich werden immer wieder mit Vorbehalten konfrontiert, insbesondere im Business Kontext. Wenn ich zum Beispiel eine Besprechung mit einem kurzen gemeinsamen Innehalten beginnen möchte, gibt es skeptische Antworten. Auch ich bin manchmal zögerlich, ob ich es überhaupt vorschlagen soll. Die Skepsis hat Ihre Berechtigung und daher bin ich in einem Video auf diese Vorbehalte eingegangen.

Die Hintergrundinformationen, die in dem Video zu sehen sind, habe ich in einer PowerPoint Folie zum Download bereitgestellt.

Neues Video “Besprechung mit Innehalten beginnen” online

Wenn Besprechungen beginnen, sind wir häufig mit unseren Gedanken noch im Meeting davor oder bei Aufgaben die noch zu erledigen sind. Das ist für die Effizienz von Besprechungen nicht hilfreich.

Thomas Bormuth meint, um mit allen Sinnen präsent zu sein, hilft ein kurzes gemeinsames und achtsames Innehalten zu Beginn. Er hat eine von ihm häufig verwendete Anleitung in seinem YouTube Channel veröffentlicht.

Besprechungen mit gemeinsamen und achtsamen Innehalten beginnen

YouTube Channel „Achtsamkeit im Projektmanagement“ ist online

Um weiter an der Verbreitung der Achtsamkeit im Projektmanagement zu arbeiten und um seine Reichweite zu erhöhen, hat Thomas Bormuth nun auch einen YouTube Channel erstellt. Hier plant er regelmäßig Informationen, Impulse, Neuigkeiten und auch Übungen zu dem Thema vorzustellen.

Er hält die Haltung der Achtsamkeit für die Basis von Projekterfolg und Projekterfolg für die Basis von Wandel, individuell und gesellschaftlich. Vielleicht kann dieser Channel ja etwas dazu beitragen. Er freut sich über jeden Follower.

Warum Achtsamkeit im Projektmanagement

Außerdem hat er nun auch den Vortrag „Einführung Achtsamkeit in der Projektarbeit“ online gestellt. Die zugehörige Präsentation kann hier heruntergeladen werden.

Sollten Sie Fragen zu dem Thema haben oder einfach den Austausch zu dem Thema suchen, nehmen Sie einfach mit Thomas Bormuth Kontakt per email unter thomas@bormuth.net oder telefonisch unter +49 (1525) 3629141 Kontakt auf.

8 Prinzipien achtsamer Kommunikation

In der aktuellen Ausgabe des mindful Magazines (mindful.org) gibt es einen Schwerpunkt zu achtsamer Kommunikation (Navigating Difficult Conversations, https://www.mindful.org/how-to-navigate-difficult-conversations/). Unter anderem werden Prinzipien achtsamer Kommunikation dargestellt. Ich habe die Prinzipien ins Deutsche übersetzt, da ich sie als sehr hilfreich und beachtenswert für unsere aktuellen privaten und auch öffentlichen Diskussionen halte.

Erst Zuhören

In Konflikten aus einer inneren Haltung heraus versuchen erst der andere Person zuhören zu wollen, das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie dann auch bereit ist uns zuzuhören.

Wahrnehmen

Die Aufmerksamkeit unserer eigene Reaktivität gegenüber – indem wir den Impuls zu einer schnellen Antwort und im Gegensatz dazu die unterstützende Kraft von Pausen und des Abwartens wahrnehmen. Das kann zu hilfreicheren Entscheidungen führen, was wir wann antworten.

Erst Nachdenken

Die Menschen hören eher zu, wenn sie sich gehört fühlen. Um Verständnis zu schaffen, denken Sie nach, reflektieren Sie, bevor Sie antworten.

Versuchen zu verstehen

Je mehr wir einander verstehen, desto einfacher ist es, Lösungen zu finden, die für alle passen. Daher stellen Sie so viel gegenseitiges Verständnis wie möglich her, bevor Sie Probleme lösen. Die meisten Leute hören nicht zu um zu verstehen, sie hören zu, um zu antworten.

Bedürfnisse identifizieren

Konflikte treten in der Regel auf der Ebene der Strategien zur Erfüllung unserer Bedürfnisse auf. Je mehr wir in der Lage sind, unsere eigentlichen Bedürfnisse zu erkennen – warum wir wollen, was wir wollen – desto weniger Konflikte gibt es.

Emotionale Bewusstheit

Sich unserer Emotionen bewusst zu sein, unterstützt unsere Fähigkeit, bewusst zu wählen, wie wir an einem Gespräch teilnehmen.

Verantwortung übernehmen

Je mehr wir Verantwortung für unsere eigenen Gefühle übernehmen und sie mit unseren Bedürfnissen verbinden und nicht mit den Handlungen anderer, desto leichter ist es für andere uns zu zuhören.

Empathisch zuhören

Je mehr wir die Gefühle anderer als Spiegelung ihrer Bedürfnisse hören, desto leichter ist es, sie zu verstehen, ohne Schuldzuweisungen zu hören, zustimmen zu müssen oder sich für ihre Emotionen verantwortlich zu fühlen.

Selbstverantwortung und im Kontakt mit sich selbst

In der aktuellen Episode des Podcasts „Arbeitsphilosophen – Die Zukunft der Arbeit“ diskutiert Frank Eilers mit Frédéric Laloux über die Generierung von Bedürfnissen und das Handeln von globalen Konzernen. Es geht dabei aber nicht um eine Predigt von der Kanzel, sondern um das Appellieren an das Gewissen von jedem einzelnen. In vielen Diskussionen erlebe ich, dass die Abwertung der Meinung oder Einstellung „Der Anderen“ im Vordergrund steht. Der Wille eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten fehlt häufig. Um das zu erreichen, ist meiner Meinung nach ein in Kontakt sein mit sich selbst, seinen Werten, Wünschen und Bedürfnissen notwendig. Diese Fähigkeit fehlt aber regelmäßig und Menschen wurde zum Beispiel mit Werbung abtrainiert wie das geht. Das Gesellschaftssystem trägt damit zu seiner eigenen Erhaltung bei und Veränderungen werden dadurch erschwert.

Frédéric Laloux erörtert im Gespräch mit Frank Eilers warum unser bisheriges Wirtschaftssystem in der aktuellen Form nicht weiter existieren kann. Frédéric vermittelt das aber nicht als Moralapostel im Sinne von „Das macht man weil es gut ist“. Ihm geht es vielmehr um das Gewissen von jedem einzelnen.

Achtung Rutschgefahr

Er schlägt vor, dass sich jeder selbst hinterfragt und in seinem Innersten forscht, „habe ich eigentlich Lust da mitzumachen, oder nicht“, „mag ich mich eigentlich selber, bin ich stolz auf mich“. Also nicht mit dem Zeigefinger auf andere zeigen und „die anderen sind böse“ oder „das müssten wir machen“. Er glaubt, dass wir nur etwas verändern, wenn wir uns gegenseitig zum Reflektieren darüber einladen, „woran möchte ich selber teilhaben oder eben nicht teilhaben“.

Meditation als Weg zu sich

Ich finde genau um diese Haltung geht es, nämlich mit sich selbst anfangen, hinterfragen, was ist mir wichtig und dann dazu auch stehen. Um mit uns selbst, unseren Werten, Bedürfnissen und Wünschen in Kontakt zu kommen, hilft die tägliche Meditation. Wenn mehr Menschen mit sich in Kontakt wären, könnte viel aus der eigenen Unsicherheit heraus resultierendes mit dem Zeigefinger auf andere zeigen und die Abwertung von anderen vermieden werden.

Von Innen nach Außen

Wir sitzen alle zusammen im gleichen Boot und nur gemeinsam können wir den Herausforderungen unserer Zeit begegnen. Stephen R. Covey hat schon im Jahr 1989 in seinem Buch „Die 7 Wege“ den Grundsatz zu Glück und Erfolg geprägt, „Von Innen nach Außen„. Wir kommen auf diese Welt als von anderen abhängige Lebewesen, wir streben dann in unserer Pubertät und Jugend Unabhängigkeit an und erkennen im Laufe unseres weiteren Lebens hoffentlich die wechselseitige Abhängigkeit (Interdependence). So funktioniert die Welt. Zu dieser Einsicht sollten wir meiner Meinung nach kommen.

Fokus auf den Atem führt zu ruhigem Geist

Atem-Entspannung

Der Atem versorgt unseren Körper mit Sauerstoff und ist so eine Quelle unserer Lebensenergie. Er kann aber auch ein Anker für Ruhe sein und körperliche und geistige Blockaden lösen. Bewusstes Atmen kann Schlafproblemen, Erschöpfung und Konzentrationsschwäche entgegenwirken.

Luft ist Lebensenergie

Was wäre, wenn wir uns mit Hilfe des überall verfügbaren Atems im Alltag körperlich und geistig entspannen können? Das ist mit einem kurzen regelmäßigen Atemritual möglich.

Atemritual

Die Aufmerksamkeit auf den Atem lenken und tief in den Bauch atmen. Manchmal hilft es schon, einmal tief durchzuatmen und mit der Ausatmung bewusst alle Anspannungen loszulassen. Manchmal sind mehrere Atemzüge notwendig. Diese Übung ist praktisch überall und immer einsetzbar.

Kurze zusätzliche Übungen

Tiefe Bauchatmung: Die Hände auf den Unterbauch legen und auf den Atemrhythmus konzentrieren. Wahrnehmen, wie sich die Bauchdecke beim Einatmen weitet und beim Ausatmen wieder senkt.

Rückenatmung: Den Oberkörper nach vorne beugen und die Ellenbogen auf den Knien ablegen. Rücken und Nacken können sich dadurch entspannen. Den Atem fließen lassen und wahrnehmen wie der Rücken atmet.

Schnuppern: Die Luft wie ein Hund in kurzen Intervallen durch die Nase einatmen. Luft dann langsam ausatmen. Die Bewegung des Zwerchfells kann bei dieser Übung durch eine Hand unterhalb des Burstkorbes wahrgenommen werden.

Atembewegung: Die Bewegung des Zwerchfells mit den Händen im Atemrhythmus begleiten. Beim Einatmen die Hände vor dem Bauch mit den Handflächen zum Boden gerichtet nach unten bewegen und mit dem Ausatmen die Hände drehen und mit den Handflächen nach oben gerichtet hoch bewegen. Die Bewegung im Atemrhythmus wiederholen und mit der Aufmerksamkeit beim Atem sein.

Das Atmen beeinflusst unsere kognitiven Fähigkeiten

Laut neuesten Forschungsergebnissen synchronisiert sich die neuronale Aktivität in der Großhirnrinde mit dem Rhythmus der Nasenatmung. Das könnte die Ursache für die außergewöhnlichen Erfahrungen von Meditierenden sein, die sich bewusst auf jeden Atemzug konzentrieren. In Experimenten wurde nachgewiesen, dass sich zum Beispiel während des Einatmens das räumliche Vorstellungsvermögen und die Merkfähigkeit verbessern. Vermutlich strukturiert der Atem-Rhythmus die Gedächtnisprozesse.

Photo by Victor on Unsplash

Beginnt man zu meditieren, empfehle ich (und viele andere Lehrende auch), die Konzentration auf die Atmung zu lenken. Zum Beispiel kann man die Atemzüge zählen. Sobald man sich in Gedanken verliert oder bei 10 angekommen ist, fängt man wieder von vorne an zu zählen. Das klingt zwar einfach, aber häufig schafft man keine 10 Atemzüge mit der Aufmerksamkeit bei dem Atem zu bleiben oder man ertappt sich, wie man weiter als 10 gezählt hat. Bei Meditierenden die mit Ihrer Aufmerksamkeit beim Atem bleiben, entsteht schnell eine Synchronisation im Gamma-Rhythmus. Diese höherfrequenten neuronalen Rhythmen werden insbesondere mit höheren kognitiven Prozessen, wie der Merkfähigkeit, in Verbindung gebracht.

Der französische Apnoetaucher Guillaume Néry hat im Interview mit der Zeitschrift „Gehirn & Geist“ die Behauptung aufgestellt: „Besser atmen zu lernen bedeutet, besser leben zu lernen.“ Außerdem hat er fünf Übungen empfohlen, die ihm helfen, wenn er angespannt ist (z.B. bei Lampenfieber vor Pressekonferenzen oder Fernsehsendungen)

  1. Atemmeditation: Setzen Sie sich bequem und würdevoll hin und schließen Sie, wenn das jetzt möglich ist, die Augen. Beobachten Sie den Atem, ohne ihn zu verändern. Nehmen Sie die Empfindungen an den Nasenflügel, Brust und Bauch wahr, wen der Atem in den Körper einströmt. Und wenn Sie bemerken, dass Ihre Aufmerksamkeit abschweift, dann nehmen Sie dies gelassen zur Kenntnis und richten Ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Atem.
  2. Bauchatmung: Versuchen Sie, Ihren Bauch so weit wie möglich beim Einatmen nach vorne zu drücken. Beim Ausatmen leeren Sie zuerst Ihren Bauch und dann Ihre Brust. Am Anfang kann die Übung im Liegen mit einer Hand auf dem Bauch geübt werden.
  3. Den Atem entschleunigen: Halten Sie zwischen den Atemzügen inne, versuchen Sie bewusst Ihren Atem zu verlangsamen, vielleicht von den üblichen zwölf Zügen pro Minute auf sechs zu halbieren.
  4. Wechselatmung: Atmen Sie langsam durch ein Nasenloch ein und aus, während Sie das andere mit einem Finger zuhalten. Danach wechseln Sie und Atmen durch das andere Nasenloch. Die Übung stammt aus dem Yoga und hilft nachweislich bei Lampenfieber, akutem Stress und Angst.
  5. Beruhigende Gedanken: Sagen Sie sich selbst bei jedem Atemzug einen hilfreichen Satz, z.B. „Ich atme ruhig ein“. Beim Ausatmen können Sie Anspannungen loslassen und sich z.B. sagen „Ich lasse gehen“.

Grundsätzlich ist hilfreich sich im Alltag immer wieder seines Atems bewusst zu sein. Diese Bewusstheit kann man z.B. beim Meditieren oder beim Yoga lernen.

Bedeutung von Mitarbeitergesprächen

Die Bedeutung von häufigem, präzisem und unvoreingenommenen Feedback durch den Vorgesetzten wird bei Führungspersonal häufig unterschätzt. Mitarbeitergespräche erhalten häufig nicht die Wertigkeit die sie benötigen und werden regelmäßig mit „zwischenrein“ oder „wir können doch auch telefonieren“ abgetan. Laut einer Studie der Management-Plattform „Reflektive“ sind für 85 % der Angestellten in den USA unfaire Mitarbeitergespräche ein Kündigungsgrund. Die Ergebnisse wurden im Juli diesen Jahres veröffentlicht und sind meiner Erfahrung nach auf den deutschen Arbeitsmarkt übertragbar.

Lohnerhöhungen und Boni sind wichtig für die Mitarbeiterbindung – sind aber nur ein Teil der Wahrheit

Für die Mehrheit der Beschäftigten (58%) ist das Gehalt der wichtigste Faktor bei der Wahl eines Arbeitgebers. Der gleiche Anteil sieht Zusatzleistungen und Urlaubstage ganz oben auf den Must-Have-Liste von potentiellen Arbeitgebern. Die beiden folgenden Kriterien – die von mehr als der Hälfte der Befragten gewählt wurden – sind jedoch Wachstumspotenzial und Sinn bei der Arbeit.

Mitarbeiter wollen Bestätigung und Richtung

Ein regelmäßiger und häufiger Austausch ermöglicht es Arbeitgebern, die Ziele und Motivation der Mitarbeiter besser zu verstehen und diese für die Motivation und Produktivität zu nutzen. Vorgesetzten können ihren Mitarbeiter einen Einblick geben, wie sie die Ergebnisse bewerten, wo sie stehen und wo sie weiteres Wachstum sehen.

Die große Mehrheit der Befragten (92%) will öfter Mitarbeitergespräche führen als nur einmal im Jahr. Fast die Hälfte (49%) wünscht sich ein wöchentliches formales Feedback und fast dreiviertel (72%) wollen mindestens einmal im Monat von ihrem Vorgesetzten bewertet werden.

Die Gründe dafür sind:

  • für 64% geben Bewertungen hilfreiches Feedback
  • für 45% bieten Mitarbeitergespräche Gelegenheit für persönlichen Austausch mit dem Vorgesetzten
  • für 41% schaffen sie Klarheit bezüglich weiterer Fördermöglichkeiten

Leistungsbewertungen können eine Win-Win-Situation sein – oder sie können furchtbar schief gehen

Interessant für Führungskräfte dürften die Auswirkungen von unpräzisen und lieblos geführten Mitarbeitergesprächen sein. Mehr als die Hälfte der Befragten (51%) können sich eine „spektakuläre“ Aktion für die Verabschiedung aus dem Job vorstellen. Sie wären bereit dadurch den Arbeitgeber zu schaden.

  • 78% können sich ein Kündigungsvideo in den sozialen Medien vorstellen
  • 18% würden über das Unternehmen, Vorgesetzte oder Kollegen schlecht reden
  • 12 % könnten sich vorstellen Firmengeheimnisse preis zu geben

Regelmäßige und ganzheitlich geführte Mitarbeitergespräche führen zur Zufriedenheit auf beiden Seiten und zu einer realistischen und präzisen Einschätzung der Situation. Dazu ist natürlich ein in Kontakt-Sein mit der Situation und dem Mitarbeiter Seitens der Führungskraft notwendig. Dieses In-Kontakt-Sein sollte daher Teil des Führungskräftetrainings sein.

Schrittweise Einführung von Selbstführung

Anstatt klassischer Mitarbeitergespräche könnten Unternehmen zur schrittweise Selbstführung übergehen. Das bedeutet nicht, dass es keine Strukturen mehr gibt und alles informell und chaotisch abläuft. Es geht nicht darum, dass durch die Abschaffung von Vorgesetzten jeder und jede machen kann, was er oder sie will. Die Mitarbeiter arbeiten in definierten Rollen und es gibt Prozesse, um Entscheidungen zu treffen, mit Konflikten umzugehen usw.. Dazu muss allerdings ein System verteilter Autorität wachsen, wozu alle bestehenden Managementpraktiken und -Strukturen erneuert werden müssen. Das benötigt Zeit, daher empfehle ich mit ehrlichen und authentischen Mitarbeitergesprächen zu beginnen, dann entsteht vieles Weitere fast automatisch.